Die rote Rating-Agentur
Die rote Rating-Agentur
Die lang ersehnte Alternative zu Fitch & Co.
Ökonomen rund um den Globus zweifeln an der Glaubwürdigkeit der drei grossen US-Ratingagenturen. China versucht nun mit Dagong Global Credit Rating die Monopolstellung der Amerikaner zu brechen und überzeugt die Fachwelt mit äusserst realistischen Einstufungen.
Im Juli 2010 wurde die Welt der Ratingagenturen förmlich auf den Kopf gestellt. Zahlreiche Ökonomen trauten nach der Finanzkrise den Einstufungen der drei amerikanischen Rating-Agenturen Moody's, S&P und Fitch nicht mehr. Der Dodd-Frank Act, das neue amerikanische Finanzmarktgesetz, ermöglicht die Ratingagenturen bei Fehleinschätzungen juristisch zu belangen. Laut der Financial Times Deutschland (FTD) haben die Agenturen ihre Kunden in einem Schreiben aufgefordert, bei der Ausgabe von neuen Finanzprodukten ihre publizierten Bewertungen vorübergehend nicht mehr zu berücksichtigen. Denn würde eine Fehleinschätzung zu Milliardenverlusten führen, würden Fitch & Co. zur Rechenschaft gezogen. Momentan geben die Ratingagenturen nur ausserhalb der "offiziellen" Papiere ihre Meinung ab. Die FTD bringt diesen Sachverhalt unmissverständlich auf den Punkt: "Denn dann müssten sie ja selbst glauben, was sie schreiben."
Chinesische Antwort auf Finanzkrise
Der chinesische Präsident Hu Jianto zweifelt ebenso an der Glaubwürdigkeit der drei grossen Agenturen und gab im Rahmen des G20-Treffens in Toronto zu verstehen: "Wir müssen objektive, faire, vernünftige und einheitliche Methoden und Standards zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit eines Staates entwickeln." Am 11. Juli 2010 wurde diese Aussage von den Chinesen kompromisslos in die Tat umgesetzt. Die bis dato unbekannte chinesische Ratingagentur Dagong Global Credit Rating veröffentlichte zum ersten Mal ihre Einschätzung der Kreditwürdigkeit von 50 Staaten. Das akkumulierte Bruttoinlandprodukt (BIP) dieser fünfzig untersuchten Staaten entspricht rund 90 Prozent der gesamten globalen Wirtschaftsleistung.
In der Pressemitteilung zur Veröffentlichung der Ratings schreibt Dagong Global Credit Rating unmissverständlich, dass die Finanzkrise die Schwächen und Krankheiten der amerikanischen Ratingagenturen aufgedeckt hat. Einerseits setzen Ratingagenturen ihre Einstufungen gezielt als wirtschaftliches Druckmittel im Dienste der USA ein. Andererseits unterscheiden sich die Ratings der einzelnen Ländern nur marginal, sodass schon fast von einem Einheitsbrei die Rede ist. Im Gegensatz zu den drei etablierten Agenturen berücksichtigt Dagong auch die Fähigkeit eines Landes, ihre Verbindlichkeiten zu begleichen. So unterscheiden sich die Einstufungen der fünfzig von Dagong untersuchten Länder in mehr als 25 Fällen von den Amerikanern.

Wer hätte gedacht, dass Mao's China einmal die westliche Rating-Welt aufwirbeln wird? Bildquelle: super.heavy
USA lediglich mit «AA» eingestuft
Vor allem bei der amerikanischen Finanzelite dürfte die Veröffentlichung wie ein Schlag ins Gesicht gewirkt haben. Nicht etwa deswegen, weil China immer selbstbewusster eine Weltmachtstellung einnimmt, sondern vielmehr darum, weil Dagong die Bonität der USA eiskalt mit "AA" bewertet. Die amerikanischen Agenturen blasen mit einem "Tripple-A" allesamt in das gleiche Horn und zeichnen ein positives Bild für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch wenn in den westlichen Medien über diese Provokation praktisch kaum geschrieben wird, so dürfte die amerikanische Regierung und Finanzelite bestimmt hinter den Kulissen lautstark protestieren.
Dagong Global Credit Rating spielt im Gegensatz zu Fitch, S&P und Moody's mit offenen Karten. Die Ziele sind einfach gestrickt: Die Chinesen wollen realistische und faire Bewertungen und eine Reformierung des internationalen Bewertungssystems. Guan Jianzhong, Vorsitzender von Dagong, gab unlängst zu verstehen, dass westliche Bewertungssysteme teils inkorrekte Bewertungsgrundlagen verwenden und die Rückzahlungsfähigkeit von hochverschuldeten Volkswirtschaften ausser Acht lassen.
Wie ernst soll man Dagong nehmen?
Auch wenn der Einfluss der chinesischen Regierung auf Dagong nicht zu unterschätzen ist, so weichen die Ratings der chinesischen Agentur das Monopol der Amerikaner auf. Selbst Schweizer Wirtschaftsexperten zeigen sich hinter vorgehaltener Hand positiv gestimmt. "Ich glaube, dass die von Dagong veröffentlichten Bewertungen den Ist-Zustand sehr gut widerspiegeln", sagt ein Chef-Ökonom, der nicht genannt werden möchte zu ebob.ch. "Mehr Wettbewerb hat ja bekanntlich noch nie geschadet", heisst es weiter.
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