The Kid
The Kid
Luca. Luca! So nöd!
Kennt ihr die Situation, in der sich sämtliche Passagiere einer S-Bahn klammheimlich wünschen, dass dieses blöde Kind am besten nie geboren worden wäre? Und ich verrate euch mal was. Wenn die besagte Situation eintritt, dann ist dieses Kind bestimmt ein Junge und heisst Luca. Das ist praktisch so sicher wie das Amen in der Kirche.
Wir schreiben das Jahr 2009. Ich sitze mal wieder eingeklemmt in einem engen Wagen der S12 mit dem Ziel, Winterthur fröhlich und in einem Stück zu erreichen. Der Buchstabe S steht übrigens für alle ausländischen Leser unter euch für das Wort Sardinenbüchse. Denn die Platzverhältnisse lassen keine anderen Rückschlüsse zu.
Aber der miserable Sitzkomfort kümmert einen kleinen Jungen im Abteil reichlich wenig. Er rennt, brüllt und faucht viele der sichtlich müden und gequälten Fahrgäste an. Sie alle schweigen und täuschen mehr schlecht als recht Teilnahmslosigkeit vor. Nur die gutmütige aber überforderte Mutter ist mit dem Verhalten ihres Sprösslings alles andere als einverstanden. Sie vergewissert uns zuerst mit einer Prise Humor, dass das der Sohn ihres Mannes sei.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, denke ich mir. Ich tauche für einen Augenblick in eine Fantasiewelt ein und überlege, ob nicht vielleicht eines der beiden Problemkinder Kim Jong-Il oder Muammar al-Gaddafi der Vater dieses kleinen Mistkerls sein könnte. Aber Mutter und Sohn sehen nicht aus, als ob sie von einer Beduinenfamilie abstammen oder wie die meisten Nordkoreaner am Hungertuch nagen.
Herrlich, jetzt reisst das Kind einer hübschen Dame den "Blick am Abend" aus der Hand. Aber er möchte dieses Käseblatt offenbar gar nicht lesen, was er mit dem Zerreissen des Papiers unmissverständlich zu verstehen gibt. Die Papierfetzen belieben selbstsprechend am Boden liegen. Die Nerven der Mutter liegen blank. Sie nimmt sich der Tonalität ihres Sohnes an und sagt sehr bestimmt: "Luca, hör uf mit dem, häsch ghört!?"
Wusst ichs doch. Alle Knaben, die einem im Zug auf den Keks gehen heissen entweder Luca oder Fabian. Wobei gut 90 Prozent mit Luca gerufen werden. Wieso gibt es eigentlich noch keinen Diktator mit diesen Namen? Vielleicht ist er nur für Zuhälter, Frauenhändler und Spitzenbänker vorbehalten. Luca verzieht aber nur seine hässliche Fratze und beginnt zu stampfen.

Ich liebe Kinder. Aber ich könnte wohl nie ein ganzes essen.
Das arme Ding wiederholt sehr pointiert den Namen ihres Sohnes: "Luca." Der kleine Teufel, der nicht mal mit einem Klumpfuss über seine wahre Identität Auskunft gibt, stampfte nur noch ein Mal, dafür um so bestimmter. Die Mutter sagt noch einmal den Namen, dieser quittiert erneut mit einem gar noch bestimmteren Stampfer. Der Mutter scheinen sämtliche Sicherungen durchzubrennen. "Luca! So nöd! No einmal und ...", gibt sie dem Sprössling zu verstehen und mach mit der Hand eine Drohgebärde.
Ja was und? Was will sie denn tun? Aber was noch viel wichtiger ist, was wohl Klein Luca tun wird. Und zu meiner Freude tut er es auch. Er stampft aufs Neue, diesmal sogar kreischend. Und was macht Mutti? Sie packt ihn wutentbrannt am Kragen und schleppt ihn mit folgenden Worten zurück zum Sitzplatz: "Luca, ich han dich gwarnt. So, jetzt gitts aber FUDITÄTTSCH!"
Danke lieber Gott, dass ich das erleben durfte. Die Antwort auf jedes Vergehen lautet also "Fuditättsch". Herrlich. Aber das schöne am Ganzen ist ja die Tatsache, dass es wirkt. Dem Luca ist jetzt endgültig das Lachen aus seiner Visage entwichen. Er beginnt zu flennen wie ein kleines Mädchen. Für alle tier- oder kinderliebenden Menschen unter euch. Die Mami hat das Popo ihres Kindes gnädigerweise verschont, da Luca angesichts des drohenden Abschreckungspotenzials klein beigegeben hat.
Ich hoffe, dass der liebe Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, diese Zeilen aufmerksam durchliesst. Er könnte daraus lernen. Bereiten die Iraner unter der Führung von Mahmud Ahmadinedschad den Bau einer weiteren Nuklearanlage vor, könnte die UNO vielleicht auch mit Fuditättsch drohen. Oder bastelt Kim Jong-il mal wieder an einer Interkontinentalrakete herum, warum die Zeit mit schwammigen Resolutionen verschwenden? Die Androhung von Fuditättsch könnte zu einer regelrechten Universallösung rund um den Globus avancieren.
Denn merke: Fuditättsch rules our planet for cenutries!
P.S. Für die Stammleserschaft: Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, ob zwischen Luca und der teuflischen Oma eine Verwandtschaft besteht. Vielleicht ist er ja ihre Reinkarnation?