The Old Lady
The Old Lady
Auch der Teufel fährt mit dem Zug
Es kommt immer anders, als man denkt. Diese Weisheit scheint sich wahrhaftig jede Woche zu bestätigen. Wie auch an einem Montag im Intercity von Winterthur nach Zürich. Eine wahre Geschichte über einen fortwährend lernenden Studenten, einer ausgelernten Oma und einem noch ungebildeten Schnösel.
Scheisse, warum werden die Umsteigezeiten bei der SBB immer kürzer? Egal, schnell auf den Zug in Richtung Zürich. Geschafft. Die Türen zischen laut auf und der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Ich entschliesse mich im oberen Deck des Zuges einen Platz zu suchen. Eine alte runzlige Frau lächelt mir mit einer Gutmütigkeit zu, die ein Mensch wohl nur noch im letzten Abschnitt seines Lebens auf die Lippen zu zaubern vermag. Ich klappe mein Buch auf und freue mich innerlich, eine nette Person als Sitznachbarin gefunden zu haben.
Doch von weither quetscht sich lauter Hip-Hop aus den Boxen eines kleinen Plastik-Handys. Verglichen mit einem Auto wäre dieses Mobiltelefon wahrscheinlich ein Trabbi - nur ohne den legendären Klassikerstatus! Den „coolen“ und „gepimpten“ Handy-Besitzer würden SVP nahe Kreise wahrscheinlich als Neger bezeichnen. Ich für meinen Teil würde so etwas natürlich nie tun.
Das Glück ist mir hold und der schlabbrig bekleidete Jüngling, der womöglich zum ersten Mal ohne Mami unterwegs sein darf, setzt sich genau neben mich hin. Die bösen Gangster rappen aber unter der Verkleidung seines M-Buget-Telefons munter weiter. Es ist ungeheuer laut und unter den gegeben Umständen unmöglich zu lernen. Warum schaltet er dieses blöde Ding nicht einfach aus? Die Seniorin wäre ihm bestimmt dankbar.
Plötzlich kommt mir ein Smalltalk mit einem guten Kumpel in den Sinn. Ich sagte damals, dass es bestimmt lustig wäre, wenn jemand sein Handy auspacken würde und laut Vivaldi oder Chopin laufen liesse. Das wär mal was...
Ich denke mir: Ach komm, scheiss drauf! So packe ich mein Handy aus und schnelle durch die Playlist. Ausgezeichnet: Chopin - „Noctrune op. 9 No. 2 in Es-Dur“.
Und es kommt, wie es kommen muss. Voller Genuss drücke ich auf Play und die Musik macht sich nur Sekunden später im Raum breit.
Eminem und Chopin verwandeln in einem Duett die Kabine des Intercitys in ein musikalisches Spektakel der Extraklasse. Selbst Katzengesang würde sich mit grosser Wahrscheinlichkeit besser anhören. Der kleine Afro-Europäer schaut mich mit grossen Augen an und die alte Frau blickt erbost in unsere Richtung. Unmittelbar danach beginnt sie mit ihrer Intervention: „Losen Sie einmal“, sagt die Alte auf einmal mit teuflisch tiefer Stimme. „Können sie diese schreckliche Musik nicht endlich ausschalten!? Das ist ja grauenhaft! Pfui, schämen Sie sich!“
Das alte Weib hat den Jungen neben mir derart in Schrecken versetzt, dass er mit dem Finger einen winzigen Bruchteil vor mir auf der Stopp-Taste ist. Da zeigt der verschrumpelte Dämon in Frauengestallt auf mich und sagt noch viel satanischer: „Hey Sie!! Ich meine Sie!! Können Sie diesen alten Quatsch nicht ausmachen? Die Musik vom Neger ist viel rassiger!“
Ich weiss an dieser Stelle nicht, ob ich meine Energie für tiefe Entrüstung oder zur Eindämmung eines drohenden Lachkrampfes einsetzen soll.
Ach du meine Fresse! Eine Oma, die Snoop Dog einem klassischen Stück vorzieht und einen Menschen so beschreibt, wie es wohl nicht einmal Jörg Haider ungestraft hätte tun können.
Letztlich ist die alte Schrulle wohl uns beiden nicht wirklich geheuer. Der Junge und ich suchen uns ohne auch nur ein Wort zu wechseln ein freies Abteil und fahren gemeinsam und ohne musikalische Beiklänge bis nach Zürich.
Und wenn die teuflische Oma noch nicht gestorben ist, so könnte sie auch dir im Zug begegnen.